Ulrich Rüter, Kunsthistoriker

Über die Fotografien von Franziska Stünkel

Eröffnung
Franziska Stünkel COEXIST – Part 5, America
Galerie Robert Drees, Hannover, 24. Januar 2020

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Fotografie, lieber Herr Drees, vor allem und insbesondere: liebe Franziska Stünkel, mit größtem Vergnügen begrüße ich Sie heute Abend zur Vernissage der neuesten Arbeiten der Künstlerin Franziska Stünkel. Sie ist in ihrer Heimatstadt Hannover nun wahrlich keine Unbekannte, daher überrascht es nicht und doch freut es mich umso mehr, dass so viele Besucher heute den Weg zur Vernissage gefunden haben. Lassen Sie sich eher von etwas anderem überraschen: den Bildern – denn auch wer glaubt, das Werk von Franziska Stünkel bereits gut zu kennen, wird ganz sicher auch in den aktuellen Arbeiten neue Details entdecken können. Hier kann ich sehr gut aus eigener Erfahrung sprechen, denn ich begleite die Werkserie COEXIST seit vielen Jahren und bin doch immer wieder von ihrer Vielfalt fasziniert. Für die heutige Werkschau sind 15 ganz neue Arbeiten ausgewählt worden, die alle im letzten Jahr während einer Reise durch die USA entstanden sind. Bevor ich nun aber auf die einzelnen Motive eingehe, erst einmal ein paar einführende Bemerkungen zur Künstlerin und ihrer Arbeitsweise. Franziska Stünkel ist ein Phänomen. Dabei wird sie diesen Begriff vermutlich gar nicht besonders schätzen, bevorzugt sie es doch, bei ihrer fotografischen Arbeit eher unsichtbar zu werden. Franziska Stünkel ist eine Weltreisende, der es immer wieder gelingt, auch in den unterschiedlichsten Orten, Städten und Ländern ihre ganz eigenen Bilder zu finden. Sie sind – trotz der ganz verschiedenen geografischen Kontexte – immer wieder sofort erkennbar. Es gibt diesen spezifischen Stünkel-Blick. Diesem möchte ich gerne in meiner kurzen Vorstellung nachgehen. Seit sie vor über zehn Jahren in Shanghai ihre erste Spiegelung auf dem Fenster eines Restaurants fotografisch festhielt, hat sie mittlerweile in der ganzen Welt ihren Werkkomplex der „Coexist“-Serie erarbeitet. Die Initialzündung in China hat sie in den Folgejahren nicht mehr losgelassen, alle zwei Jahre – immer, wenn es ihr Terminkalender zuließ schnappte sie sich ihre Leica und erschloss ein neues Kapitel der Serie für sich. Mittlerweile sind Werkgruppen in Asien, Afrika, Europa und dem Mittelmeerraum entstanden. Amerika ist nun bereits der fünfte Teil der Serie. Die Faszination ist ungebrochen, das Projekt noch nicht abgeschlossen, auch wenn es jetzt mit dem prachtvollen Bildband einen gedruckten Zwischenstand gibt. Fragt man die Künstlerin, so berichtet sie begeistert von weiteren geografischen Bereichen der Welt, die sie gerne der Serie hinzufügen will. Wir dürfen also weiter gespannt bleiben, doch schauen wir heute erst einmal auf die ganz neuen Arbeiten. Auch diesmal ist es der Künstlerin wieder gelungen, die einzigartigen Stimmungen der jeweiligen Orte in immer wieder überraschenden visuellen Verdichtungen festzuhalten. Die natürlichen Spiegelungen verbinden den Außen- mit dem Innenraum; die Aufnahmen schichten Farben, Formen, Lichtreflexe zusammen mit den flüchtigen Alltagsmomenten zu spannenden, rein fotografisch erkennbaren Wirklichkeiten. Kaum ist es möglich, die Fotografien von Franziska Stünkel mit nur einem ersten Blick zu erschließen. Zu vielfältig sind die Ebenen, Formen und Details auf ihren großformatigen Tableaus. Für die im urbanen Kontext aufgenommenen Szenen hat sie eine spezielle Sichtweise entwickelt, die den Betrachter zu genauem Schauen auffordert. Man muss zweimal hinsehen. Mindestens. Denn die Bildwelten der Fotografin sind nicht nur vielschichtig und komplex, sondern auch höchst eindrucksvoll und lohnen die genaue Entdeckung. Vor allem ist es die Visualisierung von Vielfalt und Gleichzeitigkeit, die aus ihren Bildern sehr lebhafte und detailreiche Symbolbilder des alltäglichen Lebens im großstädtischen Umfeld werden lassen. Insbesondere die spiegelnden Schaufensterscheiben übernehmen in ihren Bildern die zentrale Aufgabe einer mehrschichtigen Darstellung. Dabei steht die Fotografin nicht nur in einer langen fotohistorischen Tradition des Schaufenstermotivs – von Eugène Atget, über Harry Callahan, Lisette Model bis hin zu Saul Leiter, um nur einige Vertreter der großstädtischen Street Photography zu nennen sondern mit der Konzentration auf die reflektierenden Scheiben greift die Fotografin auch zwei der bis heute gebräuchlichsten Metaphern der Fotografie auf: die des Spiegels und die des Fensters. „Mirrors and Windows“ – so lautete denn auch der Titel der bis heute legendären Ausstellung von John Szarkowski im Museum of Modern Art im Jahr 1978. Bei Franziska Stünkel ist es nun besonders spannend, dass sie nicht trennt, sondern die beiden Metaphern in einzigartiger Weise zusammenführt. Zwar suggerieren sie eine Analogie des fotografischen Bildes zur fotografierten Wirklichkeit, die allerdings unmöglich erfüllt werden kann, da das zweidimensionale Bild immer nur einen subjektiven Eindruck der Raumwirklichkeit im Moment der Aufnahme wiedergeben kann. Daher geht die Fotografin bewusst einen anderen Weg als den der vermeintlichen Wirklichkeitsdarstellung. Sie präsentiert Bildräume, die nur fotografisch erzeugt werden können und überführt so den realen Stadtraum in ein künstlerisches Bild. Mit der Kunst der Bilder kennt sich Franziska Stünkel aus. Sowohl als Fotografin, als auch als Filmregisseurin. Geboren in Göttingen und aufgewachsen in der niedersächsischen Provinz, war Franziska Stünkel zunächst die Fotografie näher liegend als das große Kino.Die häusliche Dunkelkammer zählte zu den wichtigen künstlerischen Experimentierfeldern ihrer Jugend. Während ihres Film-Studiums an den Kunsthochschulen von Hannover, Hildesheim und Kassel belegte sie daher immer auch die Fotografie als zweites Fach. Und trotz aller Erfolge ihrer Kurzfilme, die dann auch schnell zum großen Spielfilm führten, hat sie auch weiterhin fotografisch gearbeitet. Das Fotografieren bedarf im Gegensatz zum Film ganz anderer Bedingungen, die Stünkel als Ergänzung, vielleicht auch als Ausgleich schätzt. Kinofilme sind vor allem Teamwork, beim Fotografieren hingegen ist Stünkel ganz allein unterwegs. Sie kann sich hier ganz auf ihre fotografische Intuition konzentrieren, sich der Fremde aussetzen. „Ich beobachte die Realität und durchstreife die Straßen auf der Suche nach Spiegelungen oft zehn bis fünfzehn Kilometer am Tag, egal ob bei eisiger Kälte oder irrer Hitze,“ so die Künstlerin. In beiden Disziplinen, Film und Fotografie, ist sie mittlerweile äußerst erfolgreich. Ihre Filme waren in 19 Ländern und bei mehr als 100 internationalen Filmfestivals zu sehen und wurden vielfach ausgezeichnet. Auch ihre fotografischen Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem „Berlin Hyp Kunstpreis“ und dem „Audi Art Award“, sie sind in Museen und Galerien zu sehen und auch längst in private und öffentliche Sammlungen vertreten. Die Balance zwischen Film und Fotografie ist eine Herausforderung, die Franziska Stünkel offenbar mühelos meistern kann. In ihren Kinospielfilmen beschäftigt sich Stünkel mit gesellschaftspolitischen Fragestellungen, aber auch die fotografische Serie COEXIST verfolgt gesellschaftspolitische Ziele, indem sie die weltumspannende Suche der Fotografin nach friedlicher Koexistenz offenbart. In den Worten der Künstlerin: „Koexistenz steht für mich in all seiner Schönheit da, aber auch in seinen Herausforderungen. Die Frage nach friedlicher Koexistenz im Sinne des Miteinanders ist zeitlos und gleichsam hochaktuell. Klimaschutz, Flüchtlingsbewegungen, Welthunger sind Beispiele. Es geht nur im Miteinander. Das ist meine tiefe Überzeugung. Wir können uns nicht isoliert betrachten. Wir stehen als Mensch in Zusammenhang zu den anderen Menschen und zu unseren Umgebungen, im nahen Umfeld und global.“ Wie die Thematik des weltumspannenden, vernetzten Miteinanders der Menschen im Zusammenspiel mit Natur, Architektur und Stadtraum sich in künstlerischen Dimensionen widerspiegelt, zeigt nicht nur die aktuelle Ausstellung, sondern ist auch in dem druckfrischen Bildband zu überprüfen, in dem zahlreiche Autoren aus verschiedenen Disziplinen und Wissenschaftsbereichen sich höchst anregend dem Thema der Koexistenz widmen. Doch bevor Sie sich ja vielleicht gleich den Bildband signieren lassen, sollten wir doch einen genaueren Blick auf die heutige Präsentation werfen: 15 Arbeiten sind für die Galerieausstellung ausgewählt. Alle sind im letzten Jahr entstanden, werden in drei verschiedene Größen präsentiert. Alle Motive finden Sie auch im Buch, aber es ist ein viel spannenderes Erlebnis, den großformatigen Diasec-Abzügen gegenüberzutreten. Zu erwähnen ist, dass Stünkel auf jegliche digitale Nachbearbeitung verzichtet, immer geht es ihr um den authentischen Moment im Straßenraum. „Gerade in den Zeiten von Apps und Photoshop werden Bilder ständig und oft vorschnell bearbeitet.“ Die Rücklenkung auf die Wahrnehmung der Wirklichkeit ist der Künstlerin daher ein ganz besonderes Anliegen. Für den fünften Teil von Coexist war Franziska Stünkel vor allem in den US-amerikanischen Großstädten an der Ost- und Westküste unterwegs. Wo die Motive genau entstanden sind, verrät uns die Künstlerin allerdings nicht durch entsprechende Bildtitel. Zwar lässt sich vermuten, dass ein typisches Yellow Cab eher nach New York City und schlanke Palmen eher an die Westküste gehören, doch wo genau die einzelnen Fotografien entstanden, das weiß nur die Bildautorin selbst. Denn es geht ja gerade nicht um eine lokale Wiedererkennbarkeit oder gar ortsbezogene Dokumentation. Vielmehr geht es um die überwältigende Vielfalt, die sich auf allen Straßen und an allen Orten finden lässt. Es sind Szenen des Alltags, die zu allgemeingültigen, universellen Geschichten werden. Meist ist wieder die Straße die perfekte Bühne für die merkwürdigsten Zusammenkünfte. Beispielsweise überlagern sich bei Bild 110 am New Yorker Rockefeller Center Ankündigungsplakate mit Leuchtkästen und Neonreklamen. Besonders merkwürdig ist der Gegensatz von alltäglichen Passanten und Tänzern einer Bühnenshow, deren Bewegung ekstatisch auf Werbeplakaten festgehalten ist. Das Bild wird insgesamt zu einer komplexen Überlagerung von verschiedensten Ebenen. Ein Motiv, das vielleicht am eindrücklichsten den besonderen „Stünkel-Blick“ belegen kann. Oder schauen wir auf Bild 111: Ein altes Karussell, ähnlich nostalgisch, wie der Wunsch des Brautpaares im Hintergrund, die möglichst unvergesslichsten Momente der Hochzeit für sich festzuhalten. Die Kulisse der Hochhäuser wird dabei geflissentlich ausgeblendet in der Aufnahme der Künstlerin wird aber gerade diese Überlagerung von melancholischer Inszenierung und banaler Alltagsrealität zur eigentlichen Bildgeschichte. Und vielleicht noch ein letztes Motiv, das die erzählerischen Qualitäten der Bildserie hervorhebt: Das Bild 119 präsentiert auch eine Doppelung von Innen- und Außenraum. Passanten auf einem belebten Platz werden mit Lesenden in einem Café vermischt. Kleines Detail am Rande: die Lesende ist ganz versunken in das Buch „Sweetness and Power“ von Sidney Mintz, eine Kulturgeschichte des Zuckers in der westlichen Welt– nur zu gerne wüsste man, welches Zuckergetränk sie bereits zu sich genommen hat. Das Buch ist im Jahr 1986 erschienen, die Lesende wirkt fast anachronistisch, denn die übrigen Gäste des Cafés schauen natürlich auf ihre Smartphones… Und auf eine Besonderheit möchte ich Sie noch hinweisen: Natürlich fragt man sich beim Betrachten der Bilder immer wieder, wie es die Künstlerin geschafft hat, nicht selbst ins Bild zu geraten, doch es gibt eine Ausnahme: Auf Bild 141 ist die Fotografin nun doch selbst zu entdecken. Zwischen all den Keks- und Cracker-Regalen eines Ladens ist ihr Spiegelbild mit Kamera auf der Glasscheibe eines Getränkekühlschranks deutlich erkennbar. Ein Selbstporträt muss eben doch dabei sein. Ich komme zum Schluss: In ihren Bildern schafft es die Künstlerin, die Zeit ganz einfach anzuhalten, denn es ist normalerweise unmöglich, im Getose der visuellen Reizüberflutung die Welt so wahrzunehmen, wie es durch die Stillstellung der Fotografien von Franziska Stünkel gelingt. Konzentration und Kontemplation liegen eng beieinander. Der Moment der Aufnahme ist das Bild. Doch es bedarf noch des Weges aus der Kamera an die Wand. Diese Erfahrung ist wichtig. Die Ausarbeitung der einzelnen Aufnahmen in großformatige rahmenlose Diasec-Arbeiten erweitert die Wahrnehmung der Bilder um eine weitere Dimension. Der Betrachter kann nicht nur in die Fotografien hineinsehen, sondern spiegelt sich auf den hochglänzenden Oberflächen im Ausstellungsraum selbst wider und kann Teil des Bildes, Teil der innerbildlichen Kommunikation werden. Auch der Galerieraum und seine Besucher spiegeln sich als weitere Ebene mit in das Bild und koexistieren als Teil des Ganzen. „Das Großformat hinter Glas führt wieder an den Ursprung der Aufnahme zurück. Es ist das Gefühl wieder vor der Glasscheibe zu stehen.“ (so die Künstlerin) Fernab jeglicher Tagesaktualität und genauer Verortung wird jeder Betrachter zu einer weiteren Facette der Geschichte. So wie das eigentliche Bild durch den fehlenden Rahmen keine Begrenzung aufzeigt, erscheint die Lesbarkeit unter Einbeziehung des Betrachters offen und erweiterbar in alle Richtungen. Das Bild bleibt in Bewegung, kann je nach Umgebung neu gesehen und interpretiert werden. Selbstwahrnehmung und Selbstbefragung sind daher das eigentliche Thema der hier ausgestellten Serie. Diese Fotografien erlauben als transparente Medien einen Blick durch das Bild zurück auf die Welt. Genau diese poetische Qualität zeichnet das Werk von Franziska Stünkel aus, und lässt es trotz seiner Flüchtigkeit zu etwas Tiefgründigem werden, das sich in seiner Zeitlosigkeit in das Bewusstsein der Betrachter unmerklich einschreibt. Nicht ohne Grund ist eben diese Erfahrung die entscheidende Grundkonstante der künstlerischen Wahrnehmung. So verschmelzen die spiegelnden Schaufensterscheiben mit ihren vielen Reflexionen mit der nachdenkenden Reflexion des Betrachters zu einem einzigartigen Erlebnis und erkenntnisreichem Vergnügen. Ein ebensolches wünsche ich Ihnen. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Die Ausstellung ist eröffnet.

Über die Fotografen von Franziska Stünkel
aus: DIALOG DER GESCHICHTEN, Fotokunstbuch, Gudberg Verlag

Kaum ist es möglich, die Fotografien von Franziska Stünkel mit einem ersten Blick zu erschließen. Zu vielfältig sind die Ebenen, Formen und Details auf ihren großformatigen Tableaus. Für die im urbanen Kontext aufgenommenen Szenen hat sie eine spezielle Sichtweise entwickelt, die den Betrachter zu genauem Schauen auffordert. Vor allem ist es die Visualisierung von Vielfalt und Gleichzeitigkeit, die aus ihren Bildern sehr lebhafte und detailreiche Symbolbilder des alltäglichen Lebens im großstädtischen Umfeld werden lassen. Dabei sind es vor allem die spiegelnden Schaufensterscheiben, die das Interesse der Fotografin fesseln und in ihren Bildern die zentrale Aufgabe einer mehrschichtigen Darstellung übernehmen. Nicht nur steht die Fotografin in einer langen fotohistorischen Tradition des Schaufenstermotivs – von Eugène Atget, über Harry Callahan, Lisette Model bis hin zu Saul Leiter, um nur einige Vertreter der großstädtischen Street Photography zu nennen – sondern mit der Konzentration auf die reflektierenden Scheiben greift die Fotografin auch zwei der bis heute gebräuchlichsten Metaphern der Fotografie auf: die des Spiegels und die des Fensters. Zwar suggerieren sie eine Analogie des fotografischen Bildes zur fotografierten Wirklichkeit, die allerdings unmöglich erfüllt werden kann, da das zweidimensionale Bild immer nur einen subjektiven Eindruck der Raumwirklichkeit im Moment der Aufnahme wiedergeben kann. Daher geht die Fotografin bewusst einen anderen Weg als den der vermeintlichen Wirklichkeitsdarstellung. Sie präsentiert Bildräume, die nur fotografisch erzeugt werden können und überführt so den realen Stadtraum in ein künstlerisches Bild. Und so kann als eine weitere Assoziation die von Charles Baudelaire geäußerte Definition des modernen Kunstwerks hinzu gezogen werden, in der er das Transitorische, das Flüchtige zum für ihn entscheidenden Kennzeichen der ästhetischen Moderne benennt: „Die Modernität ist das Vorübergehende, das Entschwindende, das Zufällige, ist die Hälfte der Kunst, deren andere Hälfte das Ewige und Unabänderliche ist.” (1) Dieser Bestimmung gemäß ist das authentische Werk „radikal dem Augenblick des Entstehens verhaftet; gerade weil es sich in Aktualität verzehrt, kann es den gleichmäßigen Fluß der Trivialitäten anhalten, die Normalität durchbrechen und das unsterbliche Verlangen nach Schönheit für den Augenblick einer flüchtigen Verbindung des Ewigen mit dem Aktuellen befriedigen,” (2) so die weiterführende Interpretation von Jürgen Habermas. Bezogen auf die Werke von Franziska Stünkel lassen sich daraus fruchtbare Erkenntnisse ziehen.

Seit rund zehn Jahren fotografiert die Künstlerin in ihr fremden Städten und hat dabei auch das Konzept der bisher veröffentlichten Bildserien entwickelt. Seit 2007 erarbeitet sie die Werkgruppe der Spiegelungen, deren jüngste Aufnahmen im letzten Jahr entstanden sind. Dabei ist die Fotografie schon eine sehr viel längere Leidenschaft, obwohl die Autorin bisher vor allem als Regisseurin und Drehbuchautorin in der Öffentlichkeit bekannt ist. Aufgewachsen in der niedersächsischen Provinz, war ihr die Fotografie näher liegend als das große Kino. Die häusliche Dunkelkammer zählte zu den wichtigen künstlerischen Experimentierfeldern ihrer Jugend. Während ihres Film-Studiums an den Kunsthochschulen von Hannover, Hildesheim und Kassel belegte sie daher immer auch die Fotografie als zweites Fach. Und trotz aller Erfolge ihrer Kurzfilme, die dann auch schnell zum großen Spielfilm führten, hat sie auch weiterhin fotografisch gearbeitet. Erst als hier geschlossene Serien und Werkkomplexe entwickelt waren, ist sie mit diesen Arbeiten auch nach außen getreten. Das Fotografieren bedarf im Gegensatz zum Film ganz anderer Bedingungen, die Stünkel als Ergänzung, vielleicht auch als Ausgleich schätzt. Kinofilme sind vor allem Teamwork, es gibt Location-Scouts und der Regisseur hat sich permanent mit den Produktionsbedingungen zu beschäftigen. Beim Fotografieren hingegen ist Stünkel ganz allein unterwegs. Sie kann sich hier ganz auf ihre fotografische Intuition konzentrieren, sich der Fremde aussetzen. Ob es sich dabei um asiatische oder afrikanische Metropolen wie Shanghai oder Kapstadt handelt oder europäische Städte wie Barcelona, Cambridge, Hamburg, Riga oder Stockholm als Fundort dienten, ist nicht bedeutend, denn es geht der Fotografin nicht um pittoreske Merkmale, typische Sehenswürdigkeiten oder fotogene Orte der jeweiligen Stadt, sondern sie ist auf der Suche nach einer Fremde, die universell wahrgenommen werden soll. Daher wird auch auf die topografisch-erklärende Bildunterschrift bei den präsentierten Fotografien gänzlich verzichtet.

Nur mit der Kamera unterwegs, setzt sie sich die Fotografin als versierte Flaneurin, trainierte Fußgängerin und vor allem als äußerst aufmerksame Beobachterin auf belebten innerstädtischen Straßen fernab ihres bekannten Umfeldes dem unbekannten visuellen eindrücklichen Wirbel aus, lässt sich vom urbanen Strom treiben und begibt sich trotz Chaos, Lärm und Fremdheit auf die Suche nach individuellen Geschichten. Aus der Universalität der Fremde kristallisiert sie die universelle Sprache der Gefühle heraus indem sie andere Menschen in ihrem Umfeld beobachtet. Dabei sucht sie nicht die portraithafte Frontalität, sondern sie fotografiert in der Werkgruppe „all the stories” aufgeladene Szenen voller verschiedener Sinneseindrücke, in denen zwar Menschen auftauchen, aber nicht zum bestimmenden Teil der Aufnahme werden. Denn dieser setzt sich aus verschiedenen Ebenen zusammen. Außen- und Innenraum, das geschäftige Treiben auf der Straße und die ruhigere Atmosphäre eines Restaurants, Cafes oder Ladengeschäftes werden von der Fotografin zusammengebracht. Die beiden Welten überlagern sich aufgrund der Reflexionen der großen Fensterflächen. Dabei kommt sie durch jahrelang geübtes Sehen und sekundenschnelles Wahrnehmen von Situationen zu überwältigenden Bildergebnissen, die dem realen Sehen des menschlichen Augenapparates eigentlich widersprechen. „Ich scanne mittlerweile ganz schnell mein Umfeld. Das Auge kann sich zwar nur auf eine Ebene fokussieren, aber ich wittereaeagieren auf eine Situation ist eingeübter Ablauf, daher werden die fotografierten Personen nur in den seltensten Fällen die Arbeit der Fotografin bemerkt haben. Nur so bleibt ein intimer Moment sichtbar, der sich in einer wiederholenden Serie nicht bewahren ließe. Konzentration und Kontemplation liegen eng beieinander. Der Moment der Aufnahme ist das Bild. Dieses wird dann auch nicht beschnitten oder bearbeitet, trotz aller heutigen digitalen Verführungsmöglichkeiten. Hier ist es eine bewusste Entscheidung für das authentisch Fotografische, das im Gegensatz zum stark fiktionalen und gestalteten Moment des Filmens im Vordergrund ihrer Arbeit steht. Der authentische Moment, der im subjektiven Bild der Fotografin bewahrt wurde, soll sich auf den Betrachter übertragen. Dabei sind die Farben und Lichteindrücke der Fotografien entscheidende Stimmungsträger. Besonders angezogen wird die Fotografin von einer Leichtigkeit der Farben, die den Charakter eines Bildes bestimmen. Leuchtendes Rot, Rosa oder ein Grau-Blau sind häufig die Hauptakzente einer Fotografie, die übrigen Farben ordnen sich den jeweiligen Hauptfarben unter. Diese Farbigkeit lässt sich nur an hellen Tagen erzielen, denn nur das volle Tageslicht ermöglicht es, dass auch die Innenräume hinter den Schaufensterscheiben mit natürlichem Licht aufgeladen werden und nicht ein künstliches Licht die Situation bestimmt. Auch dies eine Erfahrung, die der Kinopraxis entgegensteht.

Die Ausarbeitung der einzelnen Aufnahmen in großformatige rahmenlose Diasec-Arbeiten erweitert die Wahrnehmung der Bilder um eine weitere Dimension. Der Betrachter kann nicht nur in die Fotografien hineinsehen, sondern spiegelt sich auf den hochglänzenden Oberflächen im Ausstellungsraum selbst wider und kann Teil des Bildes, Teil der innerbildlichen Kommunikation werden. Fernab jeglicher Tagesaktualität und zeitlicher Verortung wird er zu einer weiteren Facette der Geschichte. So wie das eigentliche Bild durch den fehlenden Rahmen keine Begrenzung aufzeigt, erscheint die Lesbarkeit unter Einbeziehung des Betrachters offen und erweiterbar in alle Richtungen. Das Bild bleibt in Bewegung, kann je nach Umgebung neu gesehen und interpretiert werden. Selbstwahrnehmung und Selbstbefragung sind das eigentliche Thema der fotografischen Serien. Nicht nur für die Fotografin, sondern auch für jeden Betrachter. Diese Fotografien erlauben als transparente Medien einen Blick durch das Bild zurück auf die Welt. Genau diese poetische Qualität zeichnet das Werk von Franziska Stünkel aus, und lässt es ganz im Sinne Baudelaires trotz seiner Flüchtigkeit zu etwas Tiefgründigem werden, das sich in seiner Zeitlosigkeit in das Bewusstsein der Betrachter unmerklich einschreibt. Nicht ohne Grund ist eben diese Erfahrung die entscheidende Grundkonstante der künstlerischen Wahrnehmung. So verschmelzen die spiegelnden Schaufensterscheiben mit ihren vielen Reflexionen mit der nachdenkenden Reflexion des Betrachters zu einem einzigartigen Erlebnis und erkenntnisreichem Vergnügen.

(1) Charles Baudelaire, Der Maler des modernen Lebens, in: Henry Schumann (Hg.), Charles Baudelaire, Der Künstler und das moderne Leben, Essays, „Salons”, intime Tagebücher, Leipzig 1990, S. 301.

(2) Jürgen Habermas, Der philosophische Diskurs der Moderne. Zwölf Vorlesungen, Frankfurt a.M. 1991, S. 19.

(3) Mit dem Autor geführtes Gespräch am 4. Februar 2012.

(4) Ebd.

(5) Alexander Tolnay, Zu Fotografien von Franziska Stünkel, in: more than seven billion stories, Katalog der Galerie Robert Drees, Hannover 2011.

Der Text stammt aus:

DIALOG DER GESCHICHTEN

Fotokunstbuch mit fotografischen Arbeiten von Franziska Stünkel und Kai Wiesinger

Gudberg Verlag

ISBN: 978-3-943061-11-6

Herausgeberin: Jenny Falckenberg-Blunck