HAMBURGER ABENDBLATT

Vera Fengler

Franziska Stünkel hat das Leben mit der Kamera gespiegelt

Seit zehn Jahren reist sie um die Welt und fotografiert Reflexionen in Glasscheiben. Die Barlach Halle K zeigt ihre Serie „Coexist“.

20. Januar 2020. Hamburg. Wenn sich Franziska Stünkel daran erinnert, was sie als Jugendliche am liebsten tat, dann muss sie unweigerlich lachen. „Ich habe damals schon meine Familie aus dem Badezimmer gejagt, um mir dort eine Dunkelkammer einzurichten.“ Das unverstellte Leben zeigen – auch das Ziel ihrer juvenilen Passion ist bis heute gleichgeblieben. Zu sehen in ihrer fotografischen Serie „Coexist“. Seit zehn Jahren bereist die Künstlerin die Kontinente mit ihrer Kamera, einer Leica M9, um die Menschen und die Welt abzubilden. Sie tut dies mittels Spieglungen und Reflexionen: Wann immer Franziska Stünkel einen interessanten Moment in einer Glasscheibe erspäht, drückt sie den Auslöser. Meist nicht öfter als einmal, dann ist der Moment verflogen. Dass sie das fotografische Handwerk an der Kunsthochschule Kassel und an der Hochschule für Bildende Kunst Hannover noch analog gelernt hat, hat ihr Auge und ihr Reaktionsvermögen geschult.

Künstlerisch gestaltete Bildtableaus

Ihre vermeintlichen Schnappschüsse sind künstlerisch gestaltete Bildtableaus, die Geschichten aus Licht, Transparenz und Farbe erzählen: eine Kellnerin in einem asiatischen Imbiss, die das übrig gebliebene Essen von den Tellern schiebt, in der Scheibe spiegelt sich eine Luxus-Limousine. Ein Brautpaar, das verträumt auf den Hudson River blickt, beobachtet durch die Verglasung eines Karussells. Die Hochhäuser, die sich darüber schieben, wirken wie Ruinen. Brüche zu erkennen gehört dazu, denn nichts sei nur schön, weder das Leben noch die Welt, so Franziska Stünkel. „Spiegelungen ermöglichen die Wahrnehmung zeitgleichen Lebens“, erklärt die 47-Jährige. „Wir alle leben in Koexistenz, manchmal auch ohne dies bewusst zu bemerken. Alles ist mit allem in Verbindung. Ich suche die Sichtbarmachung.“ Ihre Motive betitelt sie stets mit „All the stories“ – all die Geschichten – und versieht sie mit Nummern. Ihr erstes gespiegeltes Motiv fand die Künstlerin, die neben Fotografie auch Filmregie studiert hat, 2009 in Shanghai. Damals war sie bei dem dortigen Filmfest eingeladen, um ihren ersten Spielfilm „Vineta“ vorzustellen. „Ich sah eine Situation in der Scheibe eines Restaurants; es war ein sehr emotionaler Moment, irgendwie surreal-abstrakt“, beschreibt Franziska Stünkel ihre Initialzündung. Ein Jahr später stellte sie bei der Hamburger Galeristin Jenny Falckenberg zum ersten Mal aus, in einem Rohbeton in der HafenCity. Die Aufwärmphase zwischen den beiden Frauen dauerte nicht lang: Innerhalb von nur fünf Wochen war die Schau geplant. In der Barlach Halle K ist aktuell ein Auszug ihres gesamten Werkes ausgestellt, ergänzt um frische Aufnahmen von Reisen durch die USA. Die vielfach mit Preisen ausgezeichnete Fotografin reist allein, „in einer Koexistenz aus Angst vor dem Fremden und Neugierde auf das, was noch zu entdecken ist“. So ist sie offener für Situationen und Begegnungen, „ich urteile nicht sofort“. Zurück im Atelier werden ihre Fotografien entwickelt, auf verschiedene Formate gezogen und mit Acrylglas versiegelt. In Umkehr zur heute gängigen Praxis werden sie nicht digital nachbearbeitet, beschnitten oder retuschiert. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes ungefiltert.

Das Lebensgefühl einer globalisierten Generation

Und doch sind ihre Bilder vielmehr als bloß Street Life Photography. Die festgehaltenen Situationen werden gerade durch ihre Beiläufigkeit zu universalen Momenten, so etwa die junge Frau in New York, die sich beim Überqueren einer Straße durch die Haare fährt. In ihrer (Deutungs-)Offenheit sind Stünkels Fotografien so zeitgenössisch: Sie spiegeln das Leben in den Metropolen dieser Welt, das Zusammenspiel der vielen Schicksale heute lebender Menschen in der sie umgebenden Architektur und Stadtlandschaften. „Sie drücken das Lebensgefühl einer globalisierten, dynamischen Generation von schöpferisch tätigen Künstlern aus“, so Art-Direktorin Karin Rehn-Kaufmann, die das Vorwort zu dem gerade erschienenen Fotokunstbuch „Coexist“ verfasst hat. Gleichzeitig spiegeln sie auch den Betrachter wider: Jeder entdeckt ein anderes Detail im Bild, deutet die Koexistenz der Geschichten auf seine individuelle Weise. Als Beispiel das Bild eines einzelnen Mannes, der sich am Hafen in Athen vor der Ausweiskontrolle spiegelt, aufgenommen 2016 auf dem Höhepunkt der sogenannten Flüchtlingskrise: „Die einen sehen darin eine gewisse Ordnung und Struktur, andere dagegen Verlorenheit, Machtlosigkeit.“ Kunst öffne neue Blickwinkel, lasse einen „spüren und sehen“, so Stünkel, die von ihrer Heimat Hannover immer wieder zu neuen Reisen aufbricht. Besonders die Frauen hat die Künstlerin bei ihrer Arbeit im Blick: Auf einem Bild sehen wir durch die Scheibe eines Süßwarengeschäfts Frauen mit Kopftuch vorbeispazieren; ihre Silhouette gleicht dabei den feilgebotenen Eisverpackungen. Daneben ist aber auch eine Frau ohne Kopftuch abgebildet. Welche Stellung haben die Gezeigten in ihrer Gesellschaft? Welche Rechte haben sie? Bedeutet traditionelle Kleidung auch gleich ein traditionelles Rollenverständnis?

Franziska Stünkel taucht nie auf ihren Bildern auf

Für ihr mit viel Liebe gestaltetes Buch hat Franziska Stünkel Experten aus anderen Branchen gebeten, den Begriff der Koexistenz zu beschreiben, darunter die Schriftsteller Moritz Rinke und Bernhard Schlink, Bela B von den „Ärzten“ und Iris Phan, eine Juristin, die über die Ethik von Sex-Robotern philosophiert. Das Buch ist allen Menschen gewidmet, die sich für eine friedliche Koexistenz einsetzen. „Ich bin überzeugt davon, dass im Grunde jeder Mensch in Frieden leben, lieben und geliebt werden will. Aber wir sind auch von Konkurrenz und Wettkampf umgeben, etwa, wenn es um die Verteilung von Ressourcen geht. Die friedliche Koexistenz ist eine Herausforderung: Sie impliziert, dass ich meinen Egoismus und Nazismus zurücknehme.“ Auf ihren Fotografien taucht Franziska Stünkel übrigens nie selbst auf, was ein ziemlicher Kunstgriff ist; dazu fotografiert sie schräg von der Seite und hält den Arm senkrecht angewinkelt beim Auslösen der Kamera. Es existiert lediglich ein winziges Selbstporträt, gespiegelt in einer Auslage von Fruchtsäften und Keksen in einem Deli in Miami. „Ich bin nur eine von sieben Milliarden.“

 

Franziska Stünkel „Coexist“ bis 1.2., Barlach Halle K (U Steinstraße), Klosterwall 13, Do 16.00–19.00, Fr 16.00–20.00, Sa 12.00– 17.00, Eintritt frei. Fotokunstbuch „Coexist“, Kehrer Verlag, 232 S., 59,-